Herzlich willkommen!

Hier entsteht momentan ein minimalistisches Webprojekt, das sich unter anderem mit Narration im Schnittpunkt der Surfkultur beschäftigen wird.
Für Ideen, Anregungen oder eine mögliche Kooperation schreibt mir einfach eine Mail: bp[at]surfspots.net oder nutzt social media

Möchtest Du eine Kurzgeschichte zu einem Spot oder einer Thematik rund um Natur veröffentlichen? Jede literarische Einsendung wird publiziert (und nach Absprache evt. lektoriert).



Die Singularität der Massenmedien
Michel Houellebecqs Elementarteilchen - Text und Film
Die künstlichen Paradiese Opium und Haschisch (Charles Baudelaire)
Strukturelle Kopplungen zwischen Kunst und Religion
Theologische Ästhetik und deutscher Idealismus

Entfremdung und Identität - ein ganz kurzer Abriss

Globale Probleme interkultureller Kommunikation und die Bewahrung indigener Identität - sicher ein weitreichendes Konstrukt, das Kulturwissenschaftler wie Ethnologen, Literatur- und Sprachexperten in Zukunft angehen müssen. Nicht nur die globale Problematik vom Klima bis zur Wirtschaft ist ein Themenkomplex der Entfremdung und Identität. Sehnsucht nach Natur, Liebe und Frieden betrifft Menschen in allen Kulturen - so meine Erfahrung. Doch nicht die Psychologie oder gar eine rein naturwissenschaftlich ausgerichtete Psychiatrie kann Abhilfe schaffen - Kunst, Kultur und die Möglichkeiten zur freien Entfaltung mit dem Hintergedanken des kategorischen Imperativs - sicher ein besserer Weg als Hirnforschung, Neurobiologie und Psychopharmakologie. - Fortsetzung folgt bei geneigter Stimmung. Neuromythologie: Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung

Zur Erfrischung ein kleiner Artikel nebenher:

Zurück zur Natur!? (als pdf)

Björn Pötters (Januar, 2011)

Der schier unaufhaltsame Fortschritt macht uns zu anderen Menschen, zu Identitäten einer modernen vernetzten entkörperten Wirklichkeit voller neuer spannender Dinge, aber sicher auch geprägt durch einen Mangel an Empfindsamkeit für das große einst Unbeherrschbare: die Natur. Diesmal geht es nicht um Sesshaftigkeit, Ackerbau oder Buchdruck, sondern ebenso revolutionär und folgenschwer darum, dass wir ständig telefonieren, vor dem Computer sitzen, Vitamintabletten schlucken, Zivilisationskrankheiten erfinden und ausleben sowie, um es schlicht und einfach auf den Punkt zu bringen, uns immer weiter von Natürlichkeit entfernen, indem Materie versklavt, kontrolliert und vergöttert wird. Das nennt sich dann Kultur. Der Mensch ist Gott geworden, heißt es. Mit Gentechnologie und dem Streben nach endgültiger Aufschlüsselung der DNA des Lebens und der Konsequenz einer vollständigen Beherrschbarkeit mit dem Willen zur Macht über das Ursprüngliche. Der Ausspruch "Zurück zur Natur!", geprägt von Jean-Jacques Rousseau, einem Lobpreiser des Natürlichen und zu Teilen Gegner moderner Aufklärung, lässt sich nicht leicht befolgen, wenn Weichen bereits auf eine Zukunft im Labor gestellt sind, wie sie zum Beispiel Aldous Huxley in seinem Roman Schöne neue Welt präsentiert.

Doch jetzt mal ganz gegenwärtig praktisch. Wie sieht es eigentlich im Labor eines deutschen Bürgers aus? Damit soll eine durchschnittliche Umgebung gemeint sein, das, was für die meisten eine Umwelt des tagtäglichen Lebens darstellt. Ist es nicht so, dass Eltern früher ihre Kinder abends herein riefen, und heute müssen sie sie heraus prügeln, weg vom Internet, von den Datenautobahnen und raus auf die betonierte Straße. Dabei scheint Umgang mit dem Computer doch so gut und wichtig zu sein, sagen andere. Fernsehen bildet auch und Bücher werden vorzugsweise im Haus gelesen, gerade deshalb, weil es die Hälfte der ganzen Zeit im Lande viel zu kalt sei, um überhaupt mal außerhalb von beheizten Räumen zu verkehren. Wer andere Sitten und Gebräuche in warmen Gefilden kennt, weiß, dass das Dasein auch auf der Straße oder in der Natur stattfinden kann und zwar von sozialen Verhaltensnormen geprägt, nicht von Notwendigkeit agrarwirtschaftlicher Ausrichtung. In hochentwickelten dienstleistungsbezogenen Staaten zeichnet sich dennoch ein Trend ab, der die Aktivität im Haus und Büro fördert.

Unsere Organe werden mit Technologie ausgeweitet. Stimmen erklingen über weite Entfernungen durchs Telefon und Augen blicken auf entfernte Schauplätze im Fernseher. Eine Simulation unseres Gehirns findet nahezu täglich im Herzen moderner Medien statt, sichtbar für jeden Heimanwender seines Personalcomputers. Zeichen und Zahlen sind wichtiger denn je und oft vergisst der Benutzer dabei, dass es sich primär um Maschinen handelt, nicht so sehr um subjektive individuelle Menschlichkeit, deren Ausdruck auch in der Stille liegt, in Meditation und Selbsterkenntnis. Wer schweigsam durch die Natur wandert, alleine im Meer schwimmt oder eine Felswand erklimmt, weiß solche Gelegenheiten sicher zu schätzen. Wer in ruhigen Momenten ein Unbehagen spürt, wem das Schweigen zur Last wird und sich ständig nach Kommunikation sehnt, könnte Opfer des postmodernen Traumas sein, dem es sich zu unterwerfen gilt, denn in einer Welt ohne Sinn für Spiritualität bleibt nur ein Weg für Verdrängung, der Beschäftigung zum höchsten Gut erklärt.

Übung macht den Meister, Stillstand macht Verlierer, so oder so, in allen Bereichen einer kapitalistischen Grundhaltung. Spaßterrorismus raubt dann getrost Langeweile, während Filme geschaut, Bücher gelesen und üppige Mahlzeiten gegessen werden. Dies stellt vielleicht den Knackpunkt dar, solange es im Kopf stattfindet und nicht mit Armen und Beinen. Deshalb wäre sicher eine Devise von Vorteil, die Freude an der ursprünglichen Natur auch für das Gehirn attraktiv macht. Dass klassischer Waldlauf gut tut, beinhaltet ja nichts Neues, aber mangelnder Kontakt zu natürlichen Umgebungen bringt Konsequenzen für die Psyche mit sich und wirkt negativ auf chronische Erkrankungen, insbesondere auf deren Entstehung und Förderung. Stichwort Depression. Viele tabuisierte Erkrankungen der Seele sind auf die veränderte Umwelt zurückzuführen und nicht auf genetische Veranlagung. Letzteres untersuchen Biomediziner inklusive Pharmaindustrie fortwährend und verorten inzwischen für immer mehr Störungen Defekte in Erbanlagen. Dementsprechend groß ist der Markt für Psychopillen und auch professionelle Psychotherapie erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Doch wirft uns Rousseau mit seinem Ausspruch nicht einen Rettungsring auf hoher See zu? Zumindest ein wenig Halt in einem schwer befahrbaren Gebiet, aus dem es kein rechtes Entrinnen mehr gibt. In seiner Komplexität tief und seinen Konsequenzen weit scheint der Zustand, in jenem sich das vernunftbegabte Tier befindet. Und wäre es nicht auch vernünftig, den Ursprung zu würdigen, das Naturbelassene zu bevorzugen und teuren Antidepressiva den kostenlosen Waldlauf vorzuziehen?

Auch wenn beispielsweise Erkenntnisse aus der Eugenik (Erbgesundheitsforschung) funktionieren, gar naturwissenschaftliche Wahrheit verkörpern, so ist es doch im Endeffekt die Ethik, die uns aus Miseren hilft und erst das Floß auf hoher See erbaut, obgleich schon längst klar war, dass diese befahren werden soll. Ein guter Mensch definiert sich zunächst eben nicht ausschließlich über Moral, sondern dadurch, irgendwie viel Leistung zu erbringen, meistens in einem Metier ohne Grün. Das kann an Seelen nagen und zum Untergang führen. Versinnbildlichung großer Gewässer für ungewisse, nur teilweise zu beherrschende Projekte wie diese der Natur und Kultur eignet sich da nur im begrenzen Rahmen und erscheint plakativ, deshalb sei an dieser Stelle ganz bodenständig erwähnt, wie Realitäten mit Blick auf die Natur heutzutage ausschauen und in welcher Form eine Beziehung zwischen ihr und dem modernen Menschen stattfindet, sofern man gewisse Studien und Statistiken interpretiert, um daraus allgemeine Trends abzuleiten:

Schon Fünfjährige surfen im Netz. Der Konsum von Antidepressiva nimmt zu. Golf wird durch Online-Games zum Volkssport. Fitness-Center erfreuen sich größerer Beliebtheit als das Naherholungsgebiet, usw. Solche Thesen beruhen tatsächlich auf Statistik, aber sie implizieren auch gleichermaßen Möglichkeiten, jenen Trendanalysen individuell vorzubeugen, denn im Endeffekt ist jeder selbst verantwortlich für seinen Umgang mit der Umwelt. Und nur weil es neuerdings die Möglichkeit gibt, an all dem Naturerleben virtuell teilzuhaben, heißt das noch lange nicht, dass wir uns von den realen Schauplätzen entfernen müssen. Gehen Sie deshalb doch auch mal gegen den Fortschritt an und organisieren statt einer Videokonferenz ein Treffen im Freien! Rousseau würde sich freuen.  

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